Aso 2.0 – Juli 2018

09.07.2018

Ein studentischer Blog zur Feldforschung

von Julia Ramprecht

Auch im Sommer 2018 findet wieder eine Exkursion nach Aso statt: Univ.-Prof. Mag. Dr. Wolfram Manzenreiter, Dr. Johannes Wilhelm und Antonia Miserka, BA werden gemeinsam mit StudentInnen der Japanologie Wien im Rahmen des Aso 2.0 Projekts nach Japan reisen, um dort vom 16. bis 31. August 2018 zu forschen. Zur Vorbereitung dieser Exkursion haben insgesamt 19 Studenten an der Übung „Feldforschung im ländlichen Japan“ teilgenommen, wobei davon zehn Studenten an der Exkursion in Japan selbst teilnehmen werden; StudentInnen, die noch keine konkreten Erfahrungen mit Feldforschung haben. Die Übung wurde im Vorlesungsverzeichnis folgendermaßen angekündigt:

Was wissen wir über das subjektive Wohlempfinden der Landbevölkerung in Japan? Was brauchen Menschen am Land, um ein glückerfülltes Leben zu führen? Wie wichtig ist es ihnen überhaupt, glücklich zu sein? Antworten auf solche Fragen sollen die TeilnehmerInnen der Exkursion während eines zweiwöchigen Feldforschungsaufenthalts generieren. Die benötigten Zugänge zum Feld, inkl. der Landbevölkerung, Ämtern der öffentlichen Verwaltung, anderen Institutionen und NGOs in der Region, methodische Vorgangsweisen und Analysetechniken werden im Vorfeld gemeinsam erarbeitet mit der Unterstützung von weiteren Bachelor- und Masterstudierenden der Japanologie, die an der 150065 UE Feldforschung im ländlichen Japan teilnehmen. Der Besuch dieser Übung ist Voraussetzung für die Teilnahme an der Exkursion.

TeilnehmerInnen der Exkursion werden zudem lernen

  • wie Feldforschung vor allem im ländlichen Raum durchgeführt wird,
  • wie ein Feldforschungsaufenthalt vorbereitet wird
  • wie der Fortschritt der Feldforschung dokumentiert und wie Forschungsdaten analysiert und
  • wie Ergebnisse für verschiedene Zielgruppen aufbereitet werden.

Dieser Forschungsblog wird ein täglicher Begleiter der StudentInnen sein: Er wird von ihnen gepflegt und mit Inhalt gefüttert werden. Während der Exkursion werden es besonders auch die persönlichen Eindrücke der StudentInnen sein, die in den Vordergrund rücken und Einblicke in die konkrete Feldforschung geben werden. Bevor die Reise beginnt, möchten wir uns zuerst in der Retrospektive den Vorbereitungsprozess im Überblick ansehen.

Auseinandersetzung mit Aso 1.0

Zunächst haben sich die StudentInnen mit diversen wissenschaftlichen Texten beschäftigt, welche auf das ländliche und soziale Leben in Kumamoto bzw. Aso bezogen waren, und diese anschließend für das Aso-Wiki aufbereitet. Diese Aufgabe diente zur ersten Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Themen rund um die besagte Präfektur.

Es fand eine gemeinsame Diskussion statt, in welcher eine erste mögliche Fragestellung für die eigene Exkursion erarbeitet wurden. In den darauffolgenden Einheiten haben sich die Studenten weiters mit der ersten Wiener Feldforschung in Aso (1968/69) vertraut gemacht und die damals verwendeten Fragebögen mit ihren wichtigsten Aussagen zusammengefasst. Dazu gehörte unter anderem das Erstellen eines übersichtlichen Familien- und Religionsregisters sämtlicher Fragebögen, sowie die einzelnen Haushalte auf Karten zugeordnet.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sich die Gruppe langsam kennenlernen und eine erste Ahnung davon gewinnen, wie die Exkursion aussehen könnte. Dennoch schwebten über den Köpfen der StudentInnen noch unzählige Fragezeichen, die sie wie ein unbekannter Schatten begleiteten – erst durch eine äußerst wichtige und inspirierende Begegnung konnten sich diese in helle Vorfreude verwandeln: Joy Hendry, die berühmte englische Kulturanthropologin stattete der Japanologie Wien einen Besuch ab.

Das Treffen mit Joy Hendry

Am 17. Mai 2018 war es so weit: Die StudentInnen trafen an der Japanologie Wien auf Joy Hendry, welche besonders in Kyushu Feldforschung betrieben hat, und hatten die Möglichkeit der Kulturanthropologin das eigene Forschungsprojekt vorzustellen und ihr die damit zusammenhängenden Sorgen anzuvertrauen. Im Vorfeld haben die StudentInnen unzählige Fragen akkumuliert: Was ist ein realistischer Umfang, den ein Fragebogen bzw. ein Interview haben sollte, um die Befragten nicht zu ermüden und ein produktives Resultat zu erhalten? Wie kann man flächendeckende Antworten aus mehreren verschiedenen Interviews gewinnen? Wie kann man sensible Themen ansprechen, ohne das Gegenüber in Verlegenheit zu bringen? Auf welche Stolpersteine und Herausforderungen muss man sich im Vorhinein gefasst machen?

Joy Hendry gab der Gruppe einen interessanten Einblick in den umfangreichen Erfahrungsschatz, den die Kulturanthropologin im Laufe ihrer jahrelangen Forschung ansammeln konnte. Neben methodischen Ratschlägen, wie etwa tägliche (!) Notizen zu machen, beseitigte sie auch einige Sorgen der StudentInnen, was die Vorbereitung, Ungewissheit und fehlende Erfahrung anging. Auf die Frage, auf was wir uns während der Feldforschung fokussieren sollten, gab sie den Ratschlag, erst mal alles, was für uns interessant war, als wichtig zu erachten. Im Laufe des Aufenthalts würde jeder einzelne von uns schon merken, was es wert sei, genauer zu betrachten: „It’s okay to not know what you’re doing. You’ll find something important for sure!”

Des weiteren sei es auch wichtig, offen und spontan sein zu können, und nicht blind seinem Ziel hinterher zu jagen; denn es sei vor allem das interessant, was wir noch nicht erahnen und planen können. Sie gab uns Mut, nicht Angst vor unserer fehlenden Erfahrung zu haben, sondern diese als Möglichkeit zu sehen, unvoreingenommen und mit Menschenverstand unsere erste Feldforschung anzugehen. Auch Fehler werden wir machen, aber diese seien ebenso wichtig, denn daraus lernen wir wichtige Lektionen, die uns umso weiter voranbringen werden.

Der Fragebogen und das Interview

Gestärkt durch das Treffen mit Joy Hendry stand nun der letzte, aber wichtigste Schritt bevor: das Fertigstellen eines passenden Fragebogens, sowie eine Übung der bevorstehenden Interviews. Wie anfangs schon erwähnt, haben wir uns unter anderem an alten Fragebögen von Aso 1.0 orientiert, und darauf aufbauend einen umfangreichen und der Zeit entsprechenden Fragebogen gemeinsam in der Gruppe ausgearbeitet. Neben den eigenen Fragen wurden vor allem auch die Fragen des Annual Kumamoto Happiness Survey miteinbezogen – unter anderem, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleisten zu können, und so die Forschung fortzusetzen. Die Themenfelder, welche in den Fragebogen aufgenommen wurden, umfassen das subjektive Glück(sempfinden), die soziale Vernetzung innerhalb der Gemeinschaft, Familie und Haushalt, Religion und Tradition, sowie ökonomische Produktionsmittel, (Land)Besitz und die Verwendung bzw. Bewirtschaftung dieser. Das Resultat ist ein ausbalancierter Fragebogen, der insgesamt neun Seiten umfasst.

Diesen haben wir in Kleingruppen herangezogen und ein Interviewszenario gemeinsam mit JapanerInnen simuliert, also versucht, mögliche Probleme und Missverständnisse ausfindig zu machen, die uns während der Interviews begegnen könnten. Dass all dies natürlich in japanischer Sprache stattfindet, stellte besonders für die jüngeren Semester eine zusätzliche Herausforderung dar – eine erfahrungsreiche Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen.

In einer Woche startet die Forschung – einige sind schon in Japan und fühlen vor, viele machen sich erst auf den Weg ins Unbekannte. Allen verbindet aber vor allem eines: die Vorfreude auf eine ganz besondere Erfahrung und die Hoffnung, zwei produktive und erkenntnisreiche Wochen zu erleben.

In diesem Sinne dürfen Sie sich schon auf die kommenden Einträge freuen, die in den nächsten Wochen folgen werden! どうぞよろしくお願いいたします!

Einen eigenen Instagram-Account für dieses Aso-Projekt gibt es übrigens auch! aso.zweitpunktnull

Gruppenfoto der Aso2.0 Forschungsgruppe
Joy Hendry bei ihrem Vortrag im Mai