Interview mit Ingrid Eder-Brunnhofer

Ingrid Eder-Brunnhofer ©Kneidinger_Photography
Für Ingrid Eder-Brunnhofer begann das Abenteuer zwischen Österreich und Japan 1988 mit ihrem Studium der Japanologie. Ein Studienjahr an der Hitotsubashi University in Tōkyō öffnete ihr nicht nur kulturell neue Türen, sondern ebnete auch ihren beruflichen Weg nach Japan. Dort übernahm sie später die Leitung der japanischen Niederlassung eines europäischen Unternehmens. Heute unterstützt sie als erfahrene Beraterin europäische Firmen dabei, erfolgreich im japanischen Markt Fuß zu fassen.
Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, um mir dieses Interview zu geben. Können Sie mir mehr über sich erzählen? Wie sind Sie dazu gekommen, Japanologie zu studieren, und wie haben Sie es geschafft, sich als Beraterin für europäische und japanische Firmen zu etablieren?
Ich freue mich auch sehr. Mein Name ist Ingrid Eder-Brunnhofer. Ich bin in Wels in Oberösterreich zu Hause und leite ein Unternehmen, das einerseits als Handelsagentur für europäische Produzenten von Baumaterialien aus Holz in Japan tätig ist und andererseits als Unternehmensberatung für Firmen jeglicher Branche, die neu nach Japan exportieren möchten oder mit ihrem bestehenden Japan-Engagement Schwierigkeiten haben.
Interessant! Sind Sie gezielt dazu gekommen, oder war es eine Zufälligkeit?
Es war tatsächlich ein Zufall. Nachdem ich mein Japanologie-Studium abgeschlossen hatte, erhielt ich ein Stipendium und konnte mich damit ein Jahr lang an der Hitotsubashi Daigaku (Universität) vor allem in die Fächer Volkswirtschaft und Marketing vertiefen. Während dieser Zeit habe ich meinen Arbeitgeber gefunden. Das war ein mittelständisches Unternehmen aus der Holz- und Baubranche, und so bin ich in diese Branche hineingerutscht – völlig ungeplant und auch ziemlich planlos. Dieses Unternehmen suchte gerade zu der Zeit jemanden, der für sie eine Tochtergesellschaft in Japan leitet und dort das Geschäft aufbaut. Ich habe damals einfach einen Job gesucht, und daraus hat sich ergeben, dass ich nach der Uni dort angefangen habe zu arbeiten. So bin ich länger in Japan geblieben.
Ich finde es faszinierend, wie man es mit einem Japanologie-Studium schafft, in so einem Beruf Fuß zu fassen und sich zu etablieren.
Tatsächlich hatte ich auch im vorletzten Studienjahr an der Wirtschaftsuni Wien den Exportlehrgang absolviert, weil mir bewusst geworden war, dass ich irgendein Handwerkszeug brauche. Die Sprach- und Sozialwissenschafts-Vorkenntnisse sind einfach nicht ausreichend, um eine Karriere in der Wirtschaft aufzubauen. Deswegen dachte ich mir, dass ich ein gewisses wirtschaftliches Grundwissen an der Hand brauche. Auch bei meiner Dissertation habe ich mich bewusst für ein Thema entschieden, das in die Richtung ging, wie österreichische Firmen auf dem japanischen Markt auftreten. Mein Ziel war es, für meinen Forschungsgegenstand möglichst viele Firmen kennenzulernen, die Niederlassungen in Japan hatten, und mit ihnen Interviews zu führen.
Verstehe! Es war also eine bewusste Entscheidung, in die Wirtschaft zu gehen. Aber kehren wir noch einmal zurück: Wieso haben Sie sich für das Japanologie-Studium entschieden? Hatten Sie schon früher Interesse an Japan?
Damals war das Studieren noch anders. Das heißt, ich wollte Sprachen studieren, und man musste sich damals für zwei Fächer entscheiden. Man konnte nicht nur eine Sprache studieren, sondern eine Sprache und noch ein weiteres Fach, wie zum Beispiel Geografie oder Völkerkunde. Man musste also ein Studium belegen, das aus einem Haupt- und einem Nebenfach bestand. Bei mir hat es allerdings ganz anders begonnen: Ich habe im ersten Semester begonnen, Dolmetschen und Übersetzen zu studieren. Ich wollte tatsächlich Übersetzerin werden - für Englisch und noch eine zweite Sprache. Und ich wollte nicht Englisch und Französisch oder Englisch und Spanisch studieren, weil ich mir dachte: Das können ohnehin alle. Ich wollte eine zweite Sprache studieren, die kaum jemand konnte.
Damals war die Auswahl an „speziellen“ Sprachen in Österreich nicht besonders groß. Es gab Arabisch, aber da dachte ich mir: „Als Frau, puh, schwierig.“ Und dann gab es noch Chinesisch und Japanisch. Da habe ich ein wenig überlegt. Allerdings müssen Sie bedenken: Ich habe 1988 zu studieren begonnen. Japan war damals wirtschaftlich deutlich weiterentwickelt als China. Die Zeitungen waren voll von Berichten darüber, dass japanische Firmen europäische und amerikanische Unternehmen aufkaufen, dass die japanische Wirtschaft sehr stark sei. Über China hingegen hörte man kaum etwas. Und ich wollte eine Sprache studieren, mit der ich auch Geld verdienen konnte. Also habe ich mich für Japanisch entschieden - völlig ohne jeglichen Bezug zu Japan.
Ich glaube, ich war die einzige Studentin, die mit dem Vorwissen ins Studium kam: „Japan liegt ganz im Osten hinter China, die Hauptstadt ist Tōkyō, und ich glaube, sie produzieren Autos und Elektrogeräte.“ Von Manga hatte ich noch nie gehört. Ich kannte vielleicht ein paar Leute, die Judo machten, aber eine besondere Verbindung zu Japan hatte ich nicht.
Ich habe dann am Dolmetsch-Institut begonnen. Mein Glück war, dass der Sprachunterricht an der Japanologie-Fakultät stattfand und ich dafür pendeln musste. Am Dolmetsch-Institut für Englisch fühlte ich mich ausgesprochen unwohl, da gehörte ich nicht hin. Aber an der Japanologie fühlte ich mich wohl. Nach einem Semester habe ich dann gewechselt: Japanologie wurde mein Hauptfach und Anglistik mein Nebenfach.
Und so ist Ihre Liebe für Japan entstanden.
Ich weiß nicht, ob ich von einer „Liebe“ sprechen würde, aber Japan ist meine zweite Heimat geworden. Ich habe dort sehr viel Zeit verbracht. Japan hat viele schöne Seiten und bietet grundsätzlich ein sehr gutes Umfeld zum Leben und Arbeiten. Und je mehr man sich mit etwas beschäftigt, desto interessanter wird es.
Genau! Bei mir ist es genau das Gegenteil: Ich hatte schon viele Vorkenntnisse, aber mein Hauptinteresse waren die Sprache und wenn es möglich ist, mehr über Manga zu lernen, damit ich irgendwann meinen eigenen Manga publizieren kann. Mit der Zeit ist daraus das Interesse für soziologische Forschung in Japan entstanden. Aber wie finden Sie die Darstellung Japans in den Medien und in der Popkultur? Irgendwie wirkt sie so glorifiziert, dass viele Menschen ein völlig anderes Bild von Japan haben.
Ich finde das auch. Ich glaube, 99,9 % aller Menschen, die versucht haben, sich japanischer als die Japaner zu verhalten, oder die einen völlig überhöhten Anspruch an Japan hatten und daran, was Japan leisten kann, sind daran gescheitert, sich dort einzuleben. Ich schätze aber sehr viele Dinge an Japan: Es ist super sauber, und wenn man - so wie ich damals - in den mittleren oder späten 90ern zwischen Japan, Russland und China hin- und hergependelt ist, dann weiß man das wirklich zu schätzen. Dass man alles essen kann, ohne Angst haben zu müssen, sich etwas einzufangen. Dass in Tōkyō immer der Müll zuverlässig abgeholt wird, dass der Strom nie länger als ein paar Sekunden ausfällt, dass alle Verkehrsmittel pünktlich ankommen. Und dass man es mit Menschen zu tun hat, die grundsätzlich freundlich sind und ehrliche Geschäfte machen möchten.
Ja, ich klopfe jetzt fest auf meinen Holzschreibtisch: Ich mache das Geschäft seit 30 Jahren, und ich hatte noch nie einen Zahlungsausfall. Die japanischen Firmen haben immer alles korrekt bezahlt. Das gibt es sonst nirgends auf der Welt.
Das ist ein sehr spannender Punkt. Würden Sie sagen, dass sich Japan seit damals großartig verändert hat?
Nicht, dass es mir aufgefallen wäre. Ich würde mich auch heute noch in der Nacht in den Yoyogi-Park trauen. Ich habe selten die Gelegenheit, weil ich nachts kaum unterwegs bin, aber ich habe mich dort noch nie bedroht gefühlt. Natürlich passiert hin und wieder etwas, aber wo passiert denn nichts? Während meines Studiums in Wien habe ich mich unwohl gefühlt, wenn ich nachts allein nach Hause gegangen bin. In Japan war das nie der Fall.
Verstehe. Sie haben gerade sehr eindrücklich beschrieben, wie stabil und verlässlich viele Dinge in Japan sind. Mich würde interessieren, wie es sich in den 90ern angefühlt hat, als Gaikokujin (Ausländer) in Japan zu leben. Können Sie über diese Erfahrung erzählen?
Naja, wie war es damals? Als Europäerin war es immer sehr gut, weil wir Europäer in Japan hoch angesehen sind - damals wie heute. Ich glaube nicht, dass sich da viel verändert hat. Wenn man sagt, man hat an der Wien Daigaku studiert, ist man gleich fein raus, weil die Japaner annehmen, das sei das Pendant zur Tōdai. Ich habe dem einfach nicht widersprochen. Außerdem habe ich an der Hitotsubashi Daigaku studiert - quasi der WU in Tōkyō, eine sehr prestigeträchtige Wirtschaftsuni. Das hat meinen Status auch gleich noch einmal angehoben.
Dazu kam, dass ich eine junge Frau war in einer Position, die sonst zumindest in meiner Branche keine junge Frau in Japan innehatte: Ausländerin, Frau, und Geschäftsführerin einer Tochtergesellschaft eines ausländischen Unternehmens - mit 26 Jahren. So etwas gab es sonst nicht. Es gab sogar ein Porträt über mich in einem japanischen Holzmagazin, und Jahre später wurde ich noch darauf angesprochen. Das hat mir viele Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären. Mir ist es dort immer gut gegangen, ich wurde freundlich behandelt. Von kleinen Unhöflichkeiten abgesehen, war alles in Ordnung.
Ja, aber die vergisst man ohnehin schnell.
Genau. Ich spreche aus meiner Erfahrung, aber sicher gibt es Menschen anderer Nationalitäten, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben.
Natürlich, jeder Mensch hat seine eigenen Erlebnisse. Ihr Leben als Frau in Japan, dazu noch als Geschäftsführerin, ist sehr faszinierend. Aber wenn Sie damals keine Arbeit gefunden hätten - was wäre Ihr Plan gewesen? Wären Sie in Japan geblieben?
Nein, ich bin nicht mit einem konkreten Plan hingegangen. Mein Ziel war das Doktorat. Ich wollte für meine Dissertation nach Japan, das war der logische Weg. Hätte ich meinen ersten Arbeitgeber nicht kennengelernt, wäre ich wahrscheinlich zurück nach Österreich gegangen, hätte mein Doktorat hier fertig gemacht - und wer weiß, was dann passiert wäre. Vielleicht wäre ich heute Frau Professor Eder-Brunnhofer.
(lacht) Das wäre lustig - vielleicht hätten Sie sogar meine Professorin werden können!
(lacht) Möglicherweise, aber ich glaube eher nicht, dass ich der Typ für eine wissenschaftliche Karriere bin. Ich wäre früher oder später in der Wirtschaft gelandet. Aber sicher wäre alles ganz anders verlaufen. Mir hat das Leben in Japan gefallen, und deshalb wollte ich natürlich länger dort bleiben. Ich hatte mir natürlich auch schon angesehen, welche Berufsmöglichkeiten es in Europa gibt - und es gab nicht viele Jobs, für die man einen Japan-Spezialisten brauchte.
Ja, das ist leider immer noch so. In Deutschland ist es vielleicht etwas besser als in Österreich, aber die Nachfrage bleibt insgesamt klein.
Genau. Selbst dann suchen Firmen eher Techniker, die Japanisch können, und keine Japanologen. Ich habe auch bei Kollegen gesehen: Diejenigen, die nach Japan gegangen sind und dort eine Weile geblieben sind, haben Karriere gemacht. Von den anderen arbeiten heute viele in völlig anderen Bereichen.
Leider ist das die Realität. Manche gehen in die Wissenschaft, aber das ist ein komplett anderer Weg - und nicht alle bekommen z. B. eine Forschungsstelle.
Genau. Und selbst da verdient man lange wenig. Vielleicht schafft man es irgendwann, in ein ordentliches Gehaltsschema zu kommen, aber in Österreich ist das noch schwieriger. Für mich war die Wirtschaft eindeutig der richtige Weg.
Sie haben erwähnt, dass die Möglichkeiten in Österreich für Japanologen noch begrenzter sind. Was hat Sie trotz dieser Umstände dazu bewogen, nach Österreich zurückzukehren - und hier zu bleiben?
Im Jahr 2000 bin ich zurück nach Österreich gekommen. Das Unternehmen bot mir damals an, in die Muttergesellschaft zu wechseln und gleichzeitig Geschäftsführerin der japanischen Tochtergesellschaft zu bleiben sowie das globale Marketing zu übernehmen. Das war für mich der Idealfall: Ich musste mein „Baby in Japan“ (die Tochtergesellschaft) nicht aufgeben und konnte trotzdem eine spannende, internationale Aufgabe übernehmen.
Von 2000 bis 2002 war ich also in der Muttergesellschaft in Österreich tätig und habe beide Rollen ausgefüllt. Es war eine tolle Zeit: Ich war etwa ein Drittel des Jahres in Japan und zwei Drittel in Österreich. Das war perfekt, um keinen „Reverse Culture Shock“ zu bekommen und mich langsam wieder auf Österreich einzustellen. 2002 habe ich mich dann selbstständig gemacht.
Haben Sie jemals bereut, Japan zu verlassen zu haben und endgültig nach Österreich zurückgekehrt zu sein?
Nein, für mich war klar: Ich wollte in Tōkyō keine Familie gründen. Ich möchte dort weder Kinder aufziehen noch alt werden.
Gab es einen bestimmten Grund dafür?
Tōkyō ist einfach eine Millionenstadt - das kann man mit Wien nicht vergleichen. Wien ist ein Dorf. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Ich war mit einem japanischen Geschäftspartner unterwegs. Er hat einen Sohn, der gleich alt ist wie meine Tochter. Damals waren die beiden Kinder etwa ein Jahr alt. Ich erzählte ihm, dass meine Tochter lange nicht krabbeln gelernt hatte, weil wir in einer Wohnung mit rutschigen Holzböden lebten. Sie hatte eine Technik entwickelt, auf dem Bauch zu robben und sich mithilfe der Händchen zu bewegen. Erst als wir in ein Haus mit Garten zogen, lernte sie im Grass krabbeln, weil da ihre Technik nicht funktionierte. Als ich das erzählte, sagte er: „Ich glaube, mein Sohn hat noch nie Gras gespürt.“ Und ich dachte mir: Ja, wie auch, wenn man im 27. Stock in Tōkyō lebt und der nächste Spielplatz asphaltiert ist. Dieser Moment hat meine Entscheidung bestätigt.
Das kann ich nachvollziehen. Man möchte das Beste für die Familie - und wenn es das dort nicht gibt, muss man Lösungen finden. Zum Abschluss noch eine Frage: Sie haben so viel Erfahrung in Japan und Österreich und sind seit vielen Jahren in der Branche. Was würden Sie Studierenden empfehlen, die gerade anfangen?
Wenn man eine wissenschaftliche Karriere anstreben möchte, muss man mit 120 % dahinterstehen und hoffen, dass zur richtigen Zeit am richtigen Ort eine Stelle frei wird. Da ist sicher Professor Manzenreiter die bessere Ansprechperson. Wenn man jedoch in der Wirtschaft Fuß fassen will, sollte man sich unbedingt zusätzlich zum Japanologie-Studium eine wirtschaftliche Ausbildung aneignen - zum Beispiel den Exportlehrgang. Das ist das Handwerkszeug, das man braucht, damit man später nicht dasteht und keine Ahnung hat, wenn es um Dinge wie Akkreditive geht.
Die Japanologie and der Universität Wien vermittelt eine hervorragende Sprachbasis - und das ist auch das Wichtigste: Japanisch, Japanisch, Japanisch. So gut lernen, wie es nur geht. Alles andere - Geschichte, Literatur, Sozialwissenschaften - ist wertvoll, aber außerhalb der Wissenschaft interessiert das kaum jemanden. Was zählt, ist, dass man die Sprache beherrscht und mit der japanischen Gesellschaft zurechtkommt.
Und man braucht mindestens zwei bis drei Jahre Aufenthalt in Japan. Nur so lernt man die Sprache wirklich. Ich merke das selbst noch: Wenn ich für Geschäftsreisen nach Japan fahre, bin ich die ersten Tage frustriert, weil es nicht gleich so funktioniert, wie ich es gewohnt bin. Aber nach drei Tagen läuft es wieder rund, und die Wörter und Ausdrücke kommen ganz von selbst.
Da stimme ich Ihnen völlig zu. Ich komme selbst aus Bulgarien und habe Deutsch auch erst richtig gelernt, nachdem ich hierhergekommen bin. Vielen Dank für das Interview und dafür, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben!
Das Interview wurde von Rumina Egova im Juni 2025 per Videochat durchgeführt.
