Interview mit Dominik Stadelmann

Dominik Stadelmann

Dominik Stadelmann hat an der Universität Wien 2007 das Japanologie-Studium begonnen und 2011 mit dem Bachelor abgeschlossen. Anschließend machte er einen MA in East Asian Economy and Society an der Universität Wien und zog 2013 nach Japan.


Du lebst inzwischen über 12 Jahre in Japan. Hast du neben Japanologie noch ein anderes Studium absolviert?

Nein, mein Hauptstudium war rein Japanologie. Nebenbei habe ich gearbeitet, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Hattest du während des Studiums Praktika? 

Nicht direkt Praktika, eher kleinere Bürojobs. Rückblickend würde ich aber Praktika/Internships sehr stark empfehlen, primär, um einen Einblick darin zu bekommen, in welchen Bereichen man arbeiten möchte.

Warum hast du dich für Japanologie entschieden?

Primär persönliches Interesse am Fach. Ich war fasziniert von japanischer Geschichte, kulturellen Praktiken, insbesondere Kampfkünste und wie diese mit einem philosophischen Überbau unterlegt werden.

Wie hat deine Familie darauf reagiert?

Die war nicht besonders glücklich, da es natürlich bei Area-Studies generell und insbesondere Japanologie wenig unmittelbare Jobaussichten gibt. 

2013 hast du dich dann entschieden, nach Japan zu ziehen – kannst du kurz erzählen, wie es dazu kam?

Tatsächlich ist es so, dass meine Lebensgefährtin Japanerin ist und wir wollten gemeinsam in Japan leben. Das Visum war daher kein Problem, aber einen Job zu finden, war eine Herausforderung.

Hattest du vor dem Umzug schon Arbeit gefunden?

Überhaupt nicht. Meine Lebensgefährtin war bereits berufstätig, daher gab es finanziell hatte ich keinen direkten unmittelbaren Druck.

Hast du in Japan Sprachkurse belegt?

Nein, das war nicht nötig. Ich kam im Oktober 2013 an und habe im November oder Dezember direkt den JLPT N1 gemacht. 

Und in welcher Branche arbeitest du jetzt?

Ich bin im Einkauf eines großen Elektronikkonzerns in Osaka tätig. Zuvor war ich im Vertrieb eines Aluminiumunternehmens. Mein Fokus liegt entsprechend auf Vormaterialien, insbesondere auf nicht-eisenhaltigen Metallen wie Aluminium und Kupfer. Aktuell bin ich strategischer Einkäufer, bin also im operativen Bereich tätig. 

War es schwierig, diese Position als Ausländer zu erlangen?

Nein, sprachlich war es kein Problem. Viel wichtiger waren fachliche Expertise In den Märkten für Vormaterialien in Kombination mit den Sprachkenntnissen.

Hattest du vorher Interesse an diesem Bereich?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin in diese Branche quasi „reingerutscht“, nachdem mir ein Recruiter eine Stelle bei einem Aluminiumhersteller hatte. Danach entwickelte sich alles weiter. 

Spannend – also selbst als Japanologe kannst du in solche Industrien gelangen. 

Genau. In Japan ist es meistens relativ egal, was man studiert hat – solange man einen Abschluss hat. Wenn man in der Forschung arbeiten will, ist das natürlich etwas anders. Wichtig ist für Firmen auch, insbesondere bei Nicht-Japanern, zu zeigen, dass man langfristig bei der Firma bleiben möchte.

Wie empfindest du es als Ausländer in Japan zu leben – musstest du dich besonders beweisen? 

Was das Berufliche betrifft, Nicht wirklich. Natürlich muss man Commitment zeigen, aber gilt nicht anders als für andere Mitarbeitende. Je nach Firma ist dies aber wohl sehr unterschiedlich. In der Firma, für die ich am längsten arbeitete, war ich der einzige „Westler“, es gab allerdings neben chinesischen und koreanischen Kolleg*innen, die in Japan aufgewachsen sind. Die Firmen, für welche ich gearbeitet habe, sind japanische Firmen und entsprechend auf eine japanische Arbeitsweise fokussiert. Soweit ich das überblicken kann, tendieren insbesondere US Firmen in Japan dazu, etwas internationaler ausgerichtet zu sein. 

Wie ist das japanische Arbeitsumfeld im Vergleich zu Österreich? Musst du auch viele Überstunden leisten, oder? 

Da ich kaum in österreichischen Firmen gearbeitet habe, kann ich das schwer vergleichen. Gerade in Großkonzernen ist das klassische 9 to 5 inzwischen unüblich und home office weit verbreitet. Überstunden sind in vielen Firmen Standard, aber bei allen Firmen, für welche ich gearbeitet habe wurden diese ausbezahlt. 

Rückblickend – welche Fähigkeiten aus deinem Studium haben dir geholfen?

Vor allem die Sprachkenntnisse. Außerdem die Anwendung von wissenschaftlichen Vorgehensweisen, sowie Recherchefähigkeiten.

Erinnerst du dich noch an Lehrpersonen aus deiner Studienzeit?

An viele, zu nennen wären zum Beispiel Frau Kubo, und natürlich Herr Professor Manzenreiter und Frau Dr. Prochaska-Meyer.

Du wohnst in Osaka – hast du auch anderswo gelebt?

Ja, eine kurze Zeit in Aichi, und danach für einige Jahre in Tokyo, wegen meiner Arbeitsstelle. Ich wurde vor etwa 5 Jahren auf eigenen Wunsch wurde ich von Tokyo nach Osaka versetzt. 

Vermisst du Österreich? Reist du oft zurück?

Ja, definitiv. Ich reise ein- bis zweimal im Jahr nach Österreich. 

Wird es für dich eine Rückkehr nach Österreich geben?

Das hängt von den beruflichen Rahmenbedingungen ab. Wenn ich eine ähnlich gute oder bessere Stelle finde, würde ich es in Betracht ziehen. Gegenwärtig ist hier aber nichts in Aussicht.

Fühlst du dich nach so vielen Jahren in Japan „japanisiert“?

Nein.

Pflegst du noch Kontakt zu Studienfreunden in Wien?

Ja, aber in den letzten Jahren ist der Kontakt leider etwas sporadisch geworden.

Würdest du im Rückblick etwas anders machen?

Ich würde definitiv mehr Internships machen. Ansonsten würde ich die recht reichhaltigen Angebote, die Wien und die Uni für Studenten hat, besser ausnutzen.

Abschlussfrage: Was würdest du Studierenden jetzt empfehlen?

Ich würde mich zunächst in möglichst vielen Bereichen einmal umsehen. Vor allem über Internships bieten hier eine gute Möglichkeit, denke ich. Fließendes Japanisch zumindest Nahe am N1 Level ist grundsätzlich ein großes Plus in vielen Bereichen, reicht aber nicht als alleinige Qualifikation. Entsprechend würde ich stark empfehlen sich zusätzliche Qualifikationen außerhalb der Japanologie anzueignen. 

Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch!

 

Das Interview wurde von Rumina Egova im Juni 2025 per Videochat durchgeführt.