| Abstract |
In Japan wie anderenorts sind körperliche, sensorische, seelische und intellektuelle Behinderungen immer schon Gegenstand der Literatur. Und in jüngerer Zeit rücken sie sowohl im öffentlichen Leben als auch in literarischen und (populär-)kulturellen Artefakten Japans vermehrt in den Fokus – nicht zuletzt durch aktivistisches Engagement, neue gesetzliche Regelungen, gesellschaftliche Debatten und internationale Großereignisse. Gleichwohl wurden sie von Literaturwissenschaft und -kritik lange Zeit kaum wahrgenommen und thematisiert.
Ausgehend von diesem Befund, den David Bolt (2017) in Anlehnung an Jacques Derrida als eine Form der „hauntology“ beschreibt – insofern Behinderung weder geleugnet noch anerkannt wird –, untersuche ich anhand exemplarischer Werklektüren die Tragfähigkeit von Behinderung als Gegenstand, theoretischem Zugang und methodischer Perspektive der literaturwissenschaftlichen Japanforschung. Unter Einbezug der jeweiligen zeitgenössischen (literaturweltlichen) Kontexte und intersektionaler Verschränkungen entwerfe ich eine kurze Genealogie der Repräsentationen von Behinderungen in der japanischen Literatur.
So diskutiere ich etwa, inwiefern literarische Repräsentationen von Behinderung während der 1990er Jahre noch überwiegend von einer medizinisch-defizitorientierten Perspektive geprägt waren, die sich an den vornehmlich von Nichtbetroffenen formulierten Metanarrativen von Behinderung ausrichtete. Ich argumentiere, dass neuere literarische Werke Behinderung nicht nur darstellen oder narrativ funktionalisieren, sondern ihre soziokulturelle Gemachtheit analysieren und damit zu einer Neubestimmung von Behinderung beitragen. In meinem Vortrag möchte ich aufzeigen, wie sich Behinderung als kreatives Potenzial für die Literatur und ihre Analyse fruchtbar machen lässt und wie dadurch die zugrunde liegenden Mechanismen, Hierarchien und Normannahmen sichtbar werden.
| Date & Time |
u:japan lecture | s11e14
Thursday 2026-01-29, 18:00~19:30 (CET, UTC +1h)
| Place |
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