Daruma: Heiliger, Glücksbringer, Stehaufmännchen
Daruma 達磨 ist die japanische Version der Bezeichnung des indischen Mönchs Bodhidharma, der im fünften und sechsten Jahrhundert lebte und als Begründer der buddhistischen Zen-Sekte gilt.
Darstellungen dieser in Japan unheimlich populären Persönlichkeit sind dort omnipräsente und überaus beliebte Sammelobjekte. Von vielen möglichen Klassifizierungen der uns vorliegenden Objekte haben wir uns für eine Dreiteilung entschieden: Zeichnungen, Figuren und Alltagsobjekte von
- Daruma als Heiliger, Daruma daishi 達磨大師
- Daruma als populäres Element des Volksglaubens bis hin zum
völlig verweltlichten Alltagsobjekt Daruma san だるまさん - Daruma als weibliche Figur, onnadaruma 女達磨.
Die Vielseitigkeit seiner Eigenschaften – von ernsthaft bis humorvoll – und die Facetten seiner Darstellung – von leidend bis niedlich, ganz zu schweigen von seinen ikonographischen Variationen (als indische, asiatische oder weibliche Person, oder gar als Tier) – zeugen von Darumas Talent als Verwandlungskünstler und seinem unwiderstehlichen Charme, der Jung und Alt anspricht.
Daruma als Heiliger – Daruma daishi
Um das Leben von Daruma spannen sich zahlreiche Legenden. Er soll einer südindischen Familie aus einer hohen Kaste entstammen und als Höhepunkt seiner buddhistischen Karriere der 28. Patriarch nach Sākyamuni geworden sein. Über hundert Jahre alt reiste er nach China, wo er im Jahr 520 eintraf. Nach einer Überfahrt über den Jangtse (Cháng Jiāng) stehend auf einem Blatt kam er zum Shaolin (Shàolín) –Tempel in der Nähe Luoyangs (Luòyáng), wo er die Mönche in den Kampfkünsten unterrichtet haben soll, weshalb er auch als Begründer der ostasiatischen Kampfkünste gilt. Danach soll er neun lange Jahre sitzend gegen eine Wand gewandt meditiert haben, ohne ein Wort zu sprechen. Um nicht einzuschlafen, habe er sich die Augenlider abgeschnitten. Durch das lange unbewegliche Sitzen seien ihm Beine und Hände abgefallen oder mit seinem Körper verschmolzen. Mit seiner neunjährigen Meditation begründete Daruma die Praxis der Sitzmeditation (zazen 座禅) als wesentliches Element der Zen-Schule und wurde zu deren erstem Patriarchen. Im Alter von 150 Jahren soll er 534 in China verstorben sein.
Nach Japan kam Daruma wohl nie, doch gibt es auch über einen Japan-Aufenthalt mehrere Legenden. Angelehnt an seine sagenhafte Überquerung des Jangtse soll er abermals auf einem Blatt über das Meer nach Japan gefahren sein. Dort habe er 613 den Prinzregenten Shōtoku Taishi 聖徳太子 getroffen und sei dann am nächsten Tag verstorben.
Daruma als Element der Populärkultur – Daruma san
Die üblichste Daruma-Figur ist eine rundliche, beinahe kugelartige Pappmaché-Figur in dominantem Rot. Die kugelförmige Form entstand durch das Abfallen der Arme und der Beine und so war es naheliegend, den Pappmaché-Daruma als Stehaufmännchen zu konzipieren, als einen, der sieben Mal hinfällt und acht Mal aufsteht (nanakorobi yaoki 七転八起). Das ist zwar mathematisch nicht korrekt, aber es klingt gut. Mit dem unbändigen Willen neun Jahre lang sitzend zu meditieren verkörpert Daruma eine in Japan äußerst geschätzte Eigenschaft, nämlich das Durchhalten (ganbaru 頑張) bzw. das Durchhaltevermögen (nintairyoku 忍耐力). Eine beliebte japanische Grußformel bei der Verabschiedung lautet: Ganbatte kudasai 頑張って下さい „Halte bitte durch!“ oder „Gib dein Bestes!“
Zur Daruma-Folklore gehört auch, sich für etwas, das man sich sehr wünscht, einen Pappmaché-Daruma ohne Augen zuzulegen. Bei der Äußerung des Wunsches malt man dem Daruma ein Auge, normalerweise das linke, ins Gesicht, und sobald der Wunsch in Erfüllung gegangen ist, malt man auch das rechte Auge hinzu. Dieses Brauchtum wird vor allem von Politikern gepflegt, die sich einer Wahl zu stellen haben. Ursprünglich dürfte es sich von der sogenannten „Augenöffnungszeremonie“ (kaigen kuyō 開眼供養) bei der Einweihung buddhistischer Statuen herleiten.
Die traditionellen Darumas, die vermutlich seit der Mitte der Edo-Zeit (1603-1868) populär wurden, sind vorwiegend rot. Die Farbe Rot soll nach dem Volksglauben vor Pocken schützen, und so fanden Daruma als heilbringende Objekte (engimono 縁起物) Verbreitung. In wenigen Worten zusammengefasst, zeichnen sich bildliche und figürliche Darstellungen der Darumas durch große starrende Augen, prominente Nasen, mächtige Backenbärte und ein oder zwei große Ohrringe aus. Auf den ersten Blick sind die Darumas als Ausländer erkennbar. Da alles äußerst übertrieben dargestellt wird, wirken sie auf die Betrachter karikaturenhaft, und es ist kein Wunder, dass sie wichtige Figuren im Universum des japanischen Humors sind. Am wichtigsten aber ist, dass Darumas in allen Lebenslagen Glück bringen, weshalb auf ihren Gewändern oft das Schriftzeichen für Glück (fuku 福) zu finden ist.
Neben den traditionellen Pappmaché-Darumas gibt es Daruma-Figuren aus allen erdenkbaren Materialien: aus Holz, Ton, Papier, Bein, Elfenbein, Metall, und Plastik. Und es gibt sie für alle erdenkbaren Gelegenheiten: als Werbematerial, als Kaffee- und als Teetassen, als Stoff- und natürlich als Handtuchmuster, als Schlüsselhalter, als Räucherstäbchenhalter und als Spielzeug. Es gibt ganze Gruppen von Darumas, oft fünf oder sieben in verschiedenen Farben, und es gibt Darumas gepaart mit anderen Tieren oder Ikonen der japanischen Populärkultur. Übrigens, „Schneemann“ heißt auf Japanisch yuki-Daruma雪だるま, also „Schnee-Daruma“.
Daruma als weibliche Figur - onnadaruma
Erstaunlicherweise gibt es viele unverkennbar weibliche Darumas, onnadaruma. Angeblich gehen diese weiblichen Darumas darauf zurück, dass ein hochrangiges Freudenmädchen, als es hörte, dass der Heilige Daruma neun Jahre lang ohne ein Wort zu sprechen zu einer Wand hingewandt meditiert habe, erklärte, dass es schon zehn Jahre lang im „Schaufenster“ ihres Freudenhauses gesessen habe, um Kunden von der Straße anzulocken. Der Maler Hanabusa Itchō 英一蝶 (1652-1724) habe, als er das hörte, als erster einen weiblichen Daruma gezeichnet.
Weibliche Daruma-Figuren kommen vor allem aus Westjapan, aus Kyūshū und aus Shikoku. Die sogenannten himedaruma 姫達磨 (Prinzessinnen-Daruma) aus Matsuyama in der Präfektur Ehime sollen auf die legendäre Herrscherin Jingū Kōgō 神宮皇后 (2.-3.Jh.), die Mutter des Ōjin Tennō 応神天皇, zurückgehen, die bei einem Aufenthalt in den heißen Quellen von Dōgō bei Matsuyama vor ihrem berühmten Korea-Feldzug merkte, dass sie schwanger war. Später begann man in Erinnerung an dieses Ereignis weibliche Stehaufpuppen als Amulette für leichte Geburt zu produzieren, die dann mit den Daruma-Puppen verschmolzen. Heute verkauft man HIMEdaruma wegen des Gleichklangs als besonderes Produkt der Präfektur EHIME.
Auf etlichen Bildern wird Daruma gemeinsam mit Kurtisanen gezeichnet um anzudeuten, dass diese sogar für einen heiligen Mann wie ihn eine große Versuchung darstellten. Auch als großer Esser oder Trinker wird er gerne dargestellt, obwohl sich Völlerei und Reiswein für einen heiligen Mönch nicht geziemen.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Daruma auch ein Ausdruck für Prostituierte ist, weil sich diese hinlegen und wieder aufstehen, weshalb in der pornographischen Literatur Dirnen, aber auch Vaginas mit Daruma-Umhang (bobo-Daruma, also wtl. Pussy-Daruma) vorkommen.
Wien, November 2025 Sepp Linhart & Isabelle Prochaska-Meyer

