Grenzen der digitalen Kommunikation

23.02.2022

Reflektion über eine Begegnung im Rathaus von Minamiaso.

Benedikt Schultz

Bei unserem digitalen Besuch der Informationsveranstaltung der chiiki okoshi kyōryokutai (地域おこし協力隊, COKT) im Rathaus von Minamiaso kam es auch zu einer sehr interessanten Erfahrung für mich, die aber eigentlich gar nicht direkt mit der Veranstaltung zu tun hatte.

Als Mitglied einer Gruppe, deren Untersuchungsgegenstand wohl am besten durch qualitative Interviewforschung mit Einheimischen erfasst werden könnte, stellen die Einschränkungen der Online-Forschung, also ohne vor Ort zu sein, für mich ein besonders großes Problem dar. So ist es so, dass die Events und die Interviews über die Kontakte unserer Dozenten vermittelt wurden – was toll ist, denn die Alternative wäre ja einfach: nichts. Allerdings fehlen dabei die Stimmen der Einheimischen, denn die Kontakte der Universität Wien können natürlich nicht die Erfahrungen und Begegnungen ersetzen, dass man auf der Straße entlang geht, jemand aus dem Dorf einen fragt, woher man kommt, man ins Gespräch kommt und schließlich auch die eine oder andere Frage zum eigenen Thema stellen kann.

Allerdings ergab sich so eine Gelegenheit im Rahmen unseres Besuchs bei der Informationsveranstaltung der chiiki okoshi kyōryokutai in Minamiaso. Unser Zoom-Kameramann vor Ort, Dr. Johannes Wilhelm, hat dort zwei junge Japanerinnen angesprochen, die als Besucherinnen kamen und bot so auch mir die Möglichkeit, eine rasche Frage zu stellen. Als Problem stellte sich jedoch heraus, dass es interessant wäre, eine genauere Unterhaltung mit den beiden zu führen, da solche Meinungen und Erfahrungen von besonderem Interesse für unser Forschungsprojekt sind. Allerdings haben wir die beiden mit unseren Fragen via Handykamera sehr überfallen, und so war das dann auch nicht möglich, nach einer Kontaktinformation für weitere Fragen zu bitten. 

Wären wir vor Ort gewesen, nehme ich an, dass es viel einfacher wäre, in solch einem Fall ein angenehmes Gesprächsklima zu schaffen. Man hätte zunächst ausreichend Zeit, sich selbst und das eigene Projekt vorzustellen. Dabei würde sich gleich zeigen, ob die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartnern überhaupt Interesse am Thema haben. In Japan ist es ja auch üblich, bei einem Treffen meishi 名詞 (Visitenkarten) auszutauschen, womit die Frage nach den Kontaktdaten schon einmal geklärt wäre. Je nachdem, wie das Gespräch dann verliefe, könnte man also gegen Ende des Gesprächs fragen, ob man weitere Fragen per E-Mail schicken könnte. Das alles funktioniert allerdings nicht, wenn man nur zwei Sätze über ein Handy gesagt hat.

Nach dem Event habe ich diese frustrierende Erfahrung in der Nachbereitung angesprochen, und wir diskutierten ein wenig, dass es wohl wirklich besser war, die Bitte nach weiterer Kontaktaufnahme unter diesen Umständen bleiben zu lassen. Trotzdem bin ich sehr dankbar, dass ich durch die Bemühungen vor Ort zumindest eine Frage stellen konnte, und dadurch tatsächlich auf einen sehr interessanten Aspekt im Bezug auf die Limitierungen der digitalen Forschung gestoßen bin. Natürlich gibt es noch weitere Limitierungen, wie etwa, dass man nur sehen kann, was die Kamera zeigt. Allerdings finde ich persönlich, dass die stärkste Einschränkung die Schwierigkeit ist, persönliche Kontakte herzustellen. Wären wir vor Ort gewesen, glaube ich, dass dieser Teil den größten Unterschied ausmachen würde.

Zu Besuch im Rathaus Minamiaso. Screenshot: Benedikt Schultz.