Verlorene und erfundene Traditionen im japanischen Karate-dô

07.03.2024 18:00 - 19:30

A hybrid u:japan lecture by Wolfgang Herbert (Tokushima University, Japan).

| Abstract |

Karate erreichte vor etwa hundert Jahren die japanischen Hauptinseln. Es kam aus Okinawa, wo es seit wohl fünfhundert Jahren als Kunst des Selbstschutzes in hermetischer Weitergabe gepflegt worden war. Die dort autochthone Faustkampfkunst hieß pars pro toto te („Hand“) oder di im lokalem Idiom. Seit dem 18. Jh. erfuhr sie zunehmend starke chinesische Einflüsse, sodass sie fortan als Tôdi („China-Hand“; auch „Karate“ lesbar) bezeichnet wurde. Auf dem Festland (China/Indien) konnten diverse Faustkampfsysteme auf womöglich tausende Jahre Geschichte zurückblicken.

Gesundheitlich-hygienische Methoden der Lenkung innerer Energien, Atemübungen, Visualisationen, Massagemethoden, Heilverfahren, Meditation im Stehen und im Sitzen und mehr waren integrierte Teile der chinesischen Kampfkünste. Sie sind weitgehend auf der Strecke geblieben. In Okinawa lag das pragmatische Augenmerk auf höchstmöglicher Effizienz (= Letalität). Respektive gefährliche Techniken wurden in der Vermittlung nach Japan, nach Einführung von Gruppenunterricht nach militärischem Drill in den Schulen Anfang des 20. Jhs, eliminiert. Dafür wurde Karate in Japan mit dem fiktiven Kodex des bushidô befrachtet, zu einer Zeit, als die Kriegerkaste der bushi abgeschafft und verschwunden war. Auch die Japanisierung und Assimilation an die „alten“ ehrwürdigen martialischen Wegkünste des budô, namentlich Kyudo, Kendo und Judo geschah besonders seit den 1930er Jahren. Mit der internationalen Verbreitung des Karate wurde es dem Zeitgeist der späten 1960er Jahre entsprechend mit dem Zen-Buddhismus in Verbindung gebracht. Mit der extremen Versportlichung (Olympische Disziplin) scheinen Aspekte des traditionellen Budô und der beanspruchte Zen-Geist in den Hintergrund zu treten.

Aufgrund dieser Dynamiken wurden laufend konstitutive Elemente über Bord geworfen oder aus anderen Bereichen dem Karate hinzuaddiert. Heute existieren nicht nur viele verschiedene Stilarten nebeneinander, sondern auch Karate-Formen mit distinktiver Ausrichtung: z.B. Sport, praktische Anwendung, Selbstverteidigung, Fitnessprogram, Kinderunterhaltung oder Budô im Sinne einer Lebensschule und Selbstkultivierung.

Der Referent möchte anhand der historischen Entwicklung auf entbehrliche ideologische Konstrukte, pathologische soziale Strukturen und technisch extreme Vereinseitigungen hinweisen, die das Karate aus Japan in den Westen mitgebracht hat und die dort lange unhinterfragt übernommen wurden. Es gilt auf dem Weg verloren gegangene wertvolle Traditionen zu re-integrieren und unheilsame erfundene Traditionen zu entsorgen. Der Vortrag soll vor allem kritische Reflexion provozieren, die im autoritären Klima japanischer Kampfkünste ein eher kümmerliches Dasein fristet.

| Bio |

Dr. Wolfgang Herbert, Studium der Japanologie (Promotion 1993), Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität Wien, Professor für Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Tokushima, Karate-dô 6. Dan.

Autor des Buches: Von Shaolin bis Shôtôkan. Beiträge zur integralen Praxis des Karate-dô. Distelhausen: schlatt-books 2023

| Date & Time |

u:japan lecture | s08e01
Thursday 2024-01-25, 18:00~19:30

Place & Preparations | 

| Plattform & Link |

univienna.zoom.us/j/62752852955
Meeting ID: 627 5285 2955 | Passcode: 036888

| Further Questions? |

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Organiser:

Institut für Ostasienwissenschaften - Japanologie

Location:
Seminarraum 1 (Hof 2, Tür 2.4, EG)