Bericht Japanorama 2019

04.04.2019

Die Vortragsreihe stand im Zeichen des Jubiläums der 150 Jahre bestehenden diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan.

Das diesjährige Japanorama fand vom 11. bis 15. März in den Räumen der Japanologie statt. Die Vortragsreihe stand im Zeichen des Jubiläums der 150 Jahre bestehenden diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan. Von einer christlichen, japanischen Märtyrerin im 16. Jahrhundert zur Adaption japanischer Mythologie in einem Hörspiel, vom japanischen „Anti-Hero“ in Wien bis zur Freundschaft eines jüdischen Journalisten mit einem Japaner – sowohl in Politik, Medien und Kunst, als auch in Porträts einzelner Figuren konnte die Beziehung dieser beiden Länder beleuchtet werden.

Den Anfang machte am Montag Dr. Ingrid Getreuer-Kargl mit einer historischen Analyse der Umstände, die zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan führten. Es ging dabei um die Unterzeichnung eines Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrages im Jahr 1869, wie ihn Japan auch mit anderen großen Nationen zu dieser Zeit abgeschlossen hatte. Der Vortragstitel „Was zählt ist der Mensch, nicht das Land“ ist die Aussage eines Studenten in einem Seminar, das die Vortragende im letzten Semester abhielt. In dem Seminar wurde mittels Interviews erarbeitet, wie der Vertrag der beiden Länder und dessen Zustandekommen heute wahrgenommen werden. Die Aussage war insofern interessant, als dass gerade in historischen Diskursen oft die menschliche Wahrnehmung an sich außen vorgelassen werde – so die Vortragende. Sie kam zu dem unerwarteten Schluss, dass das Wissen zu den Verträgen wenig präsent ist und auch in der Wissenschaft kaum Beachtung findet.  

Am Dienstagvormittag fand auch der diesjährige Ostasientag, in Kooperation aller Fachabteilungen des Instituts für Ostasienwissenschaften, statt. Das übergeordnete Thema dieser Veranstaltung war globale Herausforderungen und regionale Chancen ostasiatischer Staaten. Zu Anfang gab Institutsvorstand Dr. Rüdiger Frank eine Einführung, gefolgt von einer Vorstellung der diesjährigen AbsolventInnen durch Vizestudienprogrammleiterin Dr. Ina Hein. Anschließend stellten Master-AbsolventInnen aus den verschiedenen Studiengängen ihre Abschlussarbeiten vor. Aus japanologischer Sicht war Antonia Miserka vertreten, die ihre Masterarbeit im Zuge des Aso-Projektes unter Leitung von Dr. Wolfram Manzenreiter verfasste.  Sie analysierte anhand von Fallbeispielen in Aso (Kumamoto) die Anziehungskraft des ländlichen Japan auf alte und neue BewohnerInnen der Region. Neben den Präsentationen der Masterarbeiten gab es auch Gastvorträge, die sich mit verschiedenen Themen, wie etwa der Bedeutung chinesischer Science-Fiction-Filme, Nachhaltigkeitsbemühungen chinesischer und japanischer Unternehmen und dem chinesischen Insolvenzrecht befassten. Im Anschluss zu den Vorträgen wurde zum gemütlichen Ausklang und gegenseitigem Austausch zu einem warmen Buffet im Studierraum der Japanologie geladen.

Am Dienstagabend referierte Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Dr. Christine Ivanovic über das, nach langer Zeit in schriftlicher Form veröffentlichte, Hörspiel „Izanagi und Izanami“ von Erich Fried. Fried, der anfangs vor allem als Deutsch-Englisch-Übersetzer bekannt war, adaptierte dieses Werk als Bindeglied zwischen eigener Literatur und Übersetzung. Er sprach selbst kein Japanisch, sondern stützte sich beim Schreiben auf die Übersetzungen des Kojiki und Nihonshoki des bekannten Sinologen Arthur Waley. Fried bereitete die Entstehungsgeschichte Japans in Folge als Drama auf. Hierbei konzentrierte er sich vor allem auf den Abschnitt von Izanamis Tod, der signifikante Parallelen mit der Sage von Orpheus und Eurydike aufweist.  

Der Vortrag am Mittwochabend war historischer und kultureller Natur. Dr. Pia Maria Jolliffe von der Oxford University untersuchte die ersten Kulturkontakte zwischen Japan und Europa im 15./16. Jahrhundert anhand des Jesuiten-Theaterstücks Mulier Fortis (zu Deutsch: „Eine tapfere Frau“) welches 1698 den Mitgliedern des Kaiserhauses Habsburg vorgeführt wurde. Das Stück befasst sich mit der Figur der japanischen Adeligen Hosokawa Gratia, die zur Zeit der Christenverfolgungen unter Toyotomi Hideyoshi (1537-1598) zum Christentum konvertierte. Als christliche Märtyrerin sollte sie eine Vorbildwirkung für die adeligen Damen des Kaiserhauses einnehmen. Aus der Diskussion des Stücks ergab sich ein spannender Einblick in die japanisch-österreichischen Beziehungen der damaligen Zeit. Gerade die Darstellung einer starken Frau in Gratia, die sich den damals gängigen Konventionen widersetzte, hinterließ viel Eindruck. So gilt sie etwa bis heute als eine wichtige Figur im Glauben der Jesuitenkirche. Auch ist interessant, dass die japanischen Charaktere im Stück durchaus als den Europäern gleichwertig dargestellt wurden, was für diese Zeit wohl keine Selbstverständlichkeit war.

Am Donnerstag wechselte Dr. Ina Hein die Perspektive, indem sie Österreichbilder aus japanischer Sicht untersuchte. Hierfür bediente sie sich der Analyse einer Episode der in Japan überaus beliebten Kultfilm-Reihe Otoko wa tsurai yo (Dt. „Hartes Brot, ein Mann zu sein“) des Regisseurs Yamada Yōji. Und zwar ging es um jene 41. Folge aus dem Jahr 1989, in der sich der Hauptprotagonist Tora-san auf eine Wienreise begibt. Der Film entstand in einer Kooperation mit dem damaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk (Bürgermeister v. 1984-1994), mit dem Ziel den japanischen Tourismus in Wien anzukurbeln. Der Film bot somit einen spannenden Einblick in die Wahrnehmung der Stadt aus japanischer Sicht. Dr. Hein kam dabei zu dem Schluss, dass Wien sehr klischeehaft dargestellt wird, wobei vor allem touristische Attraktionen, sowie klassische Musik präsentiert werden. Durch den Protagonisten, der sich in der Stadt nicht so recht wohlfühlt, wird Wien als „gar nicht so anders“ wie japanische Großstädte dargestellt. Dennoch ließ sich Helmut Zilk zu der Aussage hinreißen, dass Tora-san ja „eigentlich ein echter Wiener“ sei. Unter genauerer Betrachtung dürfte diese Aussage allerdings wenig standhalten, was dem Erfolg des Films und seiner touristischen Wirkung aber keinen Abbruch tat.

Am Freitag stellte die Journalistin Judith Brandner gemeinsam mit der Studentin Yoshie Kagawa ein Projekt zur japanisch-österreichischen Beziehung vor, das im vergangenen Wintersemester mit Master-Studierenden der Japanologie erarbeitet wurde. Die TeilnehmerInnen lernten anhand der praktischen Medienarbeit die Unterschiede zwischen wissenschaftlichem und journalistischem Arbeiten und sammelten erste Erfahrungen  mit ExpertInnen-Interviews. Die Palette der Themen reicht von der Partnerschaft zwischen Wien-Floridsdorf und Tokyo-Katsushika über das Japanbild in der österreichischen Populärmusik oder eines Porträts der Schriftstellerin Michiko Milena Flašar. Yoshie Kagawa führte ihre Recherche zu Robert Jungk, einem der ersten Autoren, die in westlicher Sprache über die Betroffenen des Atombombenabwurfes auf Hiroshima geschrieben haben. Die Ergebnisse der Recherche sind in ihrer Gänze auf einer eigens dafür eingerichteten Homepage abrufbar.

Mit diesem Vortrag endete das Japanorama 2019 mit zahlreichen interessanten Eindrücken und Diskussionen zu dem Themenkomplex österreich-japanischer Beziehungen. Wir hoffen auf weitere fruchtbare, spannende 150 Jahre!

von Robert Flunger und David Miladinovic

Ingrid Getreuer-Kargl
Pia Maria Jolliffe
Ina Hein
Judith Brandner (Mitte) mit Studenten Yoshie Kagawa (links) und Alexander Pucher (rechts)